aus den Erinnerungen

Kapitel 11 „Die Gersdorfer Zeit, mein Freundes- und Bekanntenkreis“, Seite 210 ff:

„Ich hatte in den vergangenen Jahren der Sorgen und Ärgernisse einige wenige Menschen kennen gelernt, die ich hoch schätze. Im Umgang mit ihnen konnte ich offen sprechen und auch ihre Nöte erfahren. Dabei legte ich Wert darauf, den Bekanntenkreis nicht zu groß werden zu lassen. Das nur oberflächliche Bekanntsein mit vielen Menschen verflacht. Zu meiner starken dienstlichen Inanspruchnahme bildete der Verkehr mit wenigen gleichgesinnten Menschen einen wohltuenden Ausgleich. Bei meiner großen Liebe für Theater, Musik, Malerei und Bildhauerkunst war es natürlich, dass ich meine Freunde unter den Künstlern suchte. Freund Arno Drescher und Professor Johannes Ufer, sowie das Mitglied des staatlichen Schauspielhauses Paul Paulsen und deren Frauen habe ich schon erwähnt. Mehrmals in der Woche war ich mit dem Maler und Akademieprofessor Max Feldbauer beisammen. Feldbauer war „Künstler um der Kunst willen [..]. Zugeständnisse machte er nicht [..]. Als junger Akademiker hatte er alle großen Münchener Maler kennengelernt, z.B. Stuck, Trübner, Lenbach. Adolf von Menzel betrachtete einst ein Bild von Feldbauers in einer Münchener Ausstellung lange durch Lupe [..]. Durch Feldbauer lernte ich einige seiner ihn verehrenden Schüler kennen, darunter Eric Mailik in Moritzburg und Otto Dix [..]. Auf Anregung von Feldbauer, Prof. Richard Müller und Prof. Ferdinand Dorsch wurde ich in den Beirat des Sächsischen Kunstvereins berufen, dem ich mehrere Jahre angehörte. Obwohl Laienmitglied, nahm ich oft an den Sitzungen der Jury und der „Hängekommission“ in den Räumen des Kunstvereins auf der Brühlschen Terrasse teil …“.

 

Kapitel 9 „Meine Teilnahme am 1. Weltkrieg“, Seite 166 ff

„Vom Mai bis Juli 1917 führte unser Bataillon1 unser Kronprinz Georg von Sachsen [..]. Ich begleitete ihn und den Grafen Vitzthum bis in die Nähe meines Unterstandes. Der Kronprinz hatte das Gespräch auf Bücher gebracht und auf Dichter, die ich besonders liebte. Bereits am nächsten Morgen brachte mir sein Diener, ein langer Leibgrenadier, eine größere Anzahl von Büchern, die der Kronprinz aus unserer Brigadebücherei für mich sofort hatte besorgen lassen [..]. Als Kronprinz Georg sich im Juli 1917 infolge anderer Verwendung von unserem Batallion verabschiedete, überreichte er jedem Offizier sein Bild mit eigenhändiger Widmung [..]. Der Kronprinz ist mir nach dem 1. Weltkrieg wiederholt begegnet [..]. Im Juni 1933 traf ich ihn in Marienstern bei Kamenz zufällig wieder [..]. Unter welchen Verdächtigungen er zu leiden hatte, zeigt auch unser letztes Zusammensein im September 1939, dem der jüngste Bruder des früheren Kronprinzen, Prinz Ernst Heinrich, der damalige Schloßherr in Moritzburg beiwohnte. Unser kurzes Zusammensein in aller Öffentlichkeit, bei dem lediglich harmlose Gespräche geführt worden waren, wurde der geheimen Staatspolizei gemeldet und von ihr sofort dem Oberkommando der Wehrmacht berichtet …“.

  

Anmerkungen:

* Walther Hultsch diente im Landwehr-Infanterie-Regiment 101, das zur "Brigade Graf Pfeil" gehörte.

* Graf Vitzthum vertrat als Bevollmächtigter das Königreich Sachsen im Bundesrat und war dann Staatsminister.

* Prinz Ernst Heinrich teilte sich mit Walther Hultsch im 2. Weltkrieg bei der Abwehr IV das Dienstzimmer.

 

Kapitel 15 ,“Zweiter Weltkrieg“, Seite 267ff

„Bald trafen wir am Place de la Concorde ein, wo ich mich bei der Kommandatur meldete und im Hotel d’Orsay am Quai d’Orsay gute Unterkunft erhielt [..]. Bisweilen besuchte ich Fregatten-Kapitän Meissner, der einige km von Angers entfernt auf einem kleineren Chateau wohnte. Manche Abende habe ich auch mit ihm allein dort verbracht [..]. In der Folgezeit entwickelte sich ein selten kameradschaftliches Verhältnis, das sich zur Freundschaft entwickelt hat [..]. Ich entsinne mich, wie erreget und schwer besorgt wir waren, als der Oberbefehl der Wehrmacht auf den Nichtfachmann Hitler überging, nachdem wir durch den unseligen und verbrecherischen Krieg gegen Sowjetrussland auf das Schmerzlichste überrascht worden waren [..]. Anfang Juli 1941 wurde Freg.-Kapitän Meissner nach Paris versetzt. Er nahm mich in die ihm unbekannte Umwelt als „seine rechte Hand“ mit [..]. Häufig besuchte ich am Seineufer die Buden der Bouqenisten (Antiquare) und kaufte einige Kupferstiche [..]. Bereits im September aber musste ich Abschied nehmen: Oberstlt. Anstett hatte mich nach Athen angefordert [..]. Wir wohnten in der schön gelegenen Villa des Geigenvirtuosen Zapalos in Psychikon, einem Vorort von Athen.“

S. 279f „Am 2. Juli traf ich über Mitau in Riga ein [..].. Die in ihrer Bauweise deutsche Stadt an der breiten Düna gefiel mir. Ihre Türme grüßten schon von weitem [..]. Ein mehrwöchiges Kommando führte mich nach Minsk, das ich ebenfalls von 1918 her schon kannte.“

 

Kapitel 16 „Der Untergang Dresdens“, Seite 291ff

„In Zittau erhielt ich in der neuen Kaserne ein kleines Zimmer, ungeheizt und unsagbar häßlich. Da ich wegen der Erblindung meines rechten Auges entlassen werden sollte, hatte ich keinen besonderen Dienst [..]. Am 13. Februar ertönte abends in der 10. Stunde Flieger-alarm. Nach kurzer Zeit sahen wir den Himmel Richtung Dresden wie mit Purpurflammen beleuchtet. Ich konnte nicht wissen, dass in dieser Stunde unser schönes Heim vernichtet wurde und meinen Lieben eine Schreckensnacht bevorstand [..]. Mit Dresden gab es keine Verbindung; weder Telefon, noch Telegraph noch Post. Ich konnte nur erfahren, dass die Zahl der Todesopfer eine besonders hohe war und fast sämtliche Häuser der Comeniusstraße zerstört waren. Endlich war es am 17. Februar möglich, als Kurier für das Ersatzbataillon nach Dresden zu fahren. Gegen Mitternacht fuhr der Zug in Zittau ab und kam morgens in Klotsche an. Weiter fuhr der Zug nicht. Zu Fuß nach Dresden. Nach Erledigung meines dienstlichen Auftrags ging ich durch die zerstörte Stadt, von der nahezu kein Haus der Innenstadt unversehrt stand [..]. Immer schwerer wurden meine Schritte, als ich in die zerstörte Comeniusstraße einbog. Bald stand ich an unserem vernichteten Haus. In der Nähe lag eine tote Frau, die von weitem meiner Hilde ähnelte. Polizeibeamte, die nach Toten suchten, sagten mir, dass in unserem Haus keine Toten wären. Davon überzeugte ich mich selbst. Aber wo sollten meine Lieben sein?“ S. 294 „sogar bei uns in Zittau wurden große Mengen an Papiergeld und Rollenbücher der Dresdner Staatsoper gefunden, die durch den Sog (WHU: des Feuers in DD) fast 100 km durch die Luft entführt worden waren.“

 

Kapitel 14 „Hauskauf in Moritzburg“, Seite 260

„Das an der König-Albert-Alle liegende alte Haus mit seiner Holzverkleidung im 1. Stockwerk und seinem tiefbraunen Dach gefiel uns auf den ersten Blick. Freilich war allerhand auszubessern [..]. Da auch ihnen das Land gefiel, kaufte ich es am 21. April 1939, zugleich für Marthel mit [..]. Der Keller diente früher als Aufbewahrungsort für den Lößnitzwein. Die Erzählung, August der Starke habe die Vollendung der Erbauung der brieten Lindenallee, an der das Haus liegt, im Keller unseres Hauses gefeiert, wird wohl eine Sage sein. Mit Sicherheit ist anzunehmen, dass das Haus als Wohnung eines Forst- oder Hofbeamten erbaut worden ist. Den Verbindungsbogen zwischen Wohnhaus und Stall und die darunter liegenden Treppenstufen haben wir nach einem Entwurf von Architekt Rudolf Kolbe in Loschwitz im Jahre 1940 herstellen lassen [..]. Es gab nun viel Arbeit mit dem Neueinrichten des Hauses, mit der Bestellung der Felder und des Gartens. Verschiedene Obst- und Zierbäume wurden gepflanzt [..].

 

S. 249 „In der Familie wurde viel musiziert. Tante Hannchen empfing in der Woche einige junge Künstler bei sich, die sie am Flügel begleitete. Bei der Familie versammelten sich ebenfalls Künstler und Künstlerinnen. Außer „Tante“ Gretel Siems (Anm.: Kammersängerin, wirkte mit an den Uraufführung der Opern „Elektra“, „Der Rosenkavalier“ sowie „Ariadne auf Naxos“ – alle von Richard Strauss, der die äußerst anspruchsvolle Rolle der Zerbinetta („Ariadne auf Naxos“) extra für Siems´ Stimme komponiert hatte. Die Rolle der Marschallin („Rosenkavalier“) blieb jedoch der größte Erfolg ihrer Karriere, die sie an viele deutsche und internationale Bühnen führte) verkehrte der Kammersänger Walter Soomer und die Hof- und Opernsängerin Annie Krull im Hause. Auch mit der ausgezeichneten Charlotte Basté war die Familie bekannt.“

 

S. 224 „.. daß Tante Johanna Bernhardt schon seit langen Jahren das Nachbargrundstück Oeserstraße 3 gehörte, das sie allein bewohnte Wir erfreuten uns an den herrlichen bunten Blumen des Steingartens mit Teehäuschen und Freibad und genossen den unvergleichlichen Blick hinab auf die geliebte Stadt.“ S.248 „Unvergesslich wird allen Besuchern, vor allem der Familie, der Blick hinab ins Elbtal mit seinen sommerlichen Schiffen, auf die Türme der geliebten Stadt mit ihrem Häusermeer und auf die Höhen des Erzgebirges bis hinab in die Lößnitz bleiben [..]. Der Blick war zu jeder Tages- und Jahreszeit schön, wenn zigtausende von Lichtern aus der Stadt emporleuchteten, einem niedergefallenen Sternenhimmel vergleichbar.“